Verhaltensstörungen

Unspezifische Abweichungen im Sozialverhalten

Auch Wellensittiche können an psychischen Erkrankungen leiden, oft werden diese durch nicht artgerechte Haltung ausgelöst und der Vogel regelrecht in seine Krankheit getrieben.
Bevor man allerdings seinen Vogel für psychisch Krank hält, sollte durch einen vogelkundigen Tierarzt unbedingt ausschließen lassen, dass nicht etwas anderes der Auslöser ist (zum Beispiel eine behandelbare Erkrankung).

Die Abweichung im Sozialverhalten kann sich entweder gegen den Vogel selbst richten oder auch gegen seine Umwelt.
Ursachen dafür gibt es viele:

  • Langweile: Es gibt keine Beschäftigungsmöglichkeiten im und außerhalb des Käfigs oder es fehlt ein Partner zum Spielen.
  • Nicht artgerechte Haltung: Der Käfig ist zu klein, es gibt keinen oder nur wenig Freiflug, die Ernährung ist ungesund, der Standort des Käfigs (auf dem Boden stehend, an einem Fenster in der Sonne stehen etc.), es ist kein Partner vorhanden.
  • Stresssituationen: Hier gibt es diverse Möglichkeiten, denn jedes Tier reagiert unterschiedlich. Ein paar Beispiele: Der gewohnte Körnergeber ist nicht da, der Käfig steht plötzlich an einem neuen Ort, ein Umzug in eine neue Wohnung/ neues Haus, Verlust eines Partnervogels etc.
  • Partnervogel/ Schwarm: Das Geschlechtsverhältnis ist nicht ausgewogen, die Anzahl der Tiere harmoniert nicht, der Vogel wird im Schwarm ausgeschlossen oder attackiert.
  • Undefinierbare Ursachen: Manche Ursachen sind nur schwierig rauszufinden und daher nicht eindeutig benennbar. Kann man die oben aufgeführten Situationen ausschließen, so sollte man sich im Umfeld umschauen und nach der Rätsels Lösung suchen.

Verhaltensauffälligkeiten bei Wellensittichen

Ich möchte auf eine paar Auffälligkeiten eingehen, da ich die ein oder andere Situation selbst schon erlebt habe. Unsere Adoptivkinder stammen ja teilweise auf nicht artgerechter Haltung und bringen daher oft eine Verhaltensstörung mit.

Fehlprägungen:
Es gibt verschiedene Arten von Fehlprägungen bei Wellensittichen.
Die wohl am meisten auftretenden ist wohl die Fehlprägung auf einen Menschen. Oft finden die Menschen es süß und niedlich, wenn der Wellensittich (oft sind es in Einzelhaltung lebende) die Nähe zu seinem Halter sucht. Das er damit nur versucht soziale Kontakte zu pflegen, weil ihm ein artgleicher Partner fehlt, ist vielen gar nicht bewusst. Auch die Nachahmung der menschlichen Sprache ist der verzweifelte Versuch sich seinem vermeintlichen Partner anzunähern. Solche Wellensittiche zu vergesellschaften ist nicht unmöglich, bedarf aber Zeit und Ausdauer. Ein Schwarm ist außerdem von Vorteil, denn es kann sein, dass ein einzelner weiterer Wellensittich komplett ignoriert wird.
Wellensittiche können auch auf ihr Spiegelbild (oder ähnliches, worin sie sich spiegeln können) geprägt sein und versuchen verzweifelt, den vermeintlichen Partner zum Spielen und Fliegen zu animieren. Oft resultiert daraus eine Kropfentzündung, da der Wellensittich den vermeintlichen Partner im Spiegel mit Futter zu versorgen. Dies kann gegebenenfalls tödlich enden.
Fehlprägungen können aber auch im Zusammenhang mit ihrer Ernährung stehen, wenn sie partout kein neues (und meist gesünderes) Futter annehmen, es komplett verweigern und manchmal sogar beginnen zu hungern.

Erfahrungsbericht: Smookie war lange Zeit nicht in der Lage, mit anderen Wellensittichen zu agieren. Er nahm sie gar nicht wahr, im Gegenteil sogar, er ging ihnen aus dem Weg. Seile hingegen, vor allem die fusseligen Enden, hatten es ihm angetan und sie waren sein Partnerersatz. Sie wurden gefüttert, gepuschelt und gekrault. Die Situation entspannte sich erst, als Hixx bei uns einzog und die Beiden sich verliebten.
Hixx hingegen war in Sachen Futter völlig auf das ungesunde, gezucktere und mit Zusätzen versetze Drogeriefutter geprägt. Während seiner Quarantäne probierte ich einiges, um ihm das gesunde Futter schmackhaft zu machen – ohne Erfolg. Erst als er ins Vogelzimmer zog, begann er langsam auch das gesunde Futter zu fressen. 


Zwänge:
Zwanghaftes Verhalten ist auch bei Wellensittichen zu sehen. Dies kann zum Beispiel das permanente hin und herlaufen auf einer Stange sein.
Beobachtet man eine sich immer und immer wieder wiederholende Abläufe einer Bewegung, so sollte man nach der Ursache suchen und gegebenenfalls einen vogelkundigen Tierarzt zu Rate ziehen.
Ursachen liegen oft in der falschen Haltung, zu wenig Bewegung, keine Beschäftigung und kein artgleicher Partner.

Erfahrungsbericht: Smookie war bei seiner Ankunft bei uns nicht nur Fehlgeprägt sondern hatte auch den permanenten Zwang, an Seilen zu kauen. Nahm man ihm das Seil weg oder schnitt zumindest die losen Fäden ab auf denen her „herumlutschte“ brach er völlig in Panik aus. Behutsames handeln war angesagt und zum Glück erfolgreich. Mittlerweile können wir auch wieder Seile im Vogelzimmer integrieren.


Federrupfen:
Bestimmt ist jedem schon mal ein Bild von einem Wellensittich (oder anderem Vogel) über den Weg gelaufen, wo ein Teil der Federn fehlte. Vermutlich meist sichtbar im Brustbereich.
Ursache ist hier kein Federproblem, sondern selbst verletzendes Verhalten vom Vogel, denn er reißt sich die Federn aus lauter Kummer selber aus.
Oft beginnt es an Stellen, die nicht sofort sichtbar sind, wie den Flügelunterseiten. Meist wird das Untergefieder als erstes gezupft, je nach Erkrankungsgrad kann das so weit gehen, dass der Vogel sich großflächig die Federn ausreißt bis kahle Stellen entstehen, manchmal beißen sie sich die Haut dann auch noch blutig. Das hat dann oft Entzündungen zur Folge oder gar den Tod, wenn die Blutung nicht rechtzeitig erkannt wird.
Rupfer, wie man diese Wellensittiche nennt, sind leider schwer zu behandeln, denn die Auslöser sind oft schwer erkennbar und der kleinst Grund kann allen Erfolg wieder zu nichte machen. Mit Hilfe einer Halskrause kann man zwar das Rupfen verhindern, jedoch ist die Ursache nicht geklärt und das Rupfen geht meist weiter, sobald die Halskrause entfernt wird.


Individuelle Probleme erfordern individuelle Behandlungen

Manchmal lässt sich die Verhaltensstörung nicht eindeutig zuordnen oder gar erkennen. Theoretisch kann es jeden Vogel treffen, egal wie artgerecht und toll die Haltung ist, wie viele artgleiche Schwarmmitglieder vorhanden sind und wie gesund die Ernährung ist.
Vor Krankheiten ist niemand geschützt, aber wir können alles dafür geben, diesen Wellensittichen zu helfen. 
Gerade bei psychischen Erkrankungen gibt es keine optimale Behandlung, wir als Halter müssen in solch einer Situation individuell auf den Vogel eingehen und versuchen, das Problem zu lösen. Oft helfen diverse Beschäftigungsmöglichkeiten, um den Wellensittichen abzulenken.
Hinzu sollte ein geregelter Tagesablauf kommen, denn dann kann auch ein Vogel sich orientieren und es gibt ihm Sicherheit, wenn er weiß, wie der Tag in etwa abläuft.
Stress sollte vermieden werden oder der Vogel zumindest darauf vorbereitet werden.

Erfahrungsbericht: Mir fällt grad noch eine Eigenschaft von Smookie ein, die sonst keiner meiner Zwerge zeigt. Smookie hat ja in Einzelhaltung in einem Keller gelebt bevor er zu mir kam. Wir haben uns 5 Jahre ein Zimmer geteilt und konnten nach 3 Jahren eine Vertrauensbasis aufbauen. Smookies Angst vor Mensch hält sich mittlerweile in Grenzen. Grenzwertig wird es lediglich, wenn ich mal ein paar Tage nicht zu Hause bin. Smookie fängt dann sofort an zu Mausern und das vor allem am Kopf. Sein ganzer Kopf besteht dann oft aus lauter Federkielen, die natürlich furchtbar jucken. Er leidet sichtbar. Sobald ich wieder da bin entspannt er sich und das Problem geht zurück. Ich vermute, ich als mittlerweile langjährige Bezugsperson, fehlt ihm dann. Zum Glück wird dies weniger, seit mein Freund und ich zusammen wohnen. Er füttert die Zwerge morgens und ist so zu einer zweiten Bezugsperson geworden, die allen Zwergen ein Stück Sicherheit gibt.