Wellensittichmythen

„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.
Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“
– Bertolt Brecht

Als ich über dieses Zitat von Bertolt Brecht gestolpert bin, fand ich viel Wahres dran. Jeder von uns macht Fehler, denn wir sind alle nur Menschen. Niemand ist perfekt. Doch der Unterschied zwischen einem „Dummkopf“ und einem „Verbrecher“ liegt in der Handlung.
Der „Dummkopf“ macht Fehler in seiner Wellensittich-Haltung, wird darauf hingewiesen und handelt umgehend, um etwas zu verbessern.
Der „Verbrecher“ macht Fehler in seiner Wellensittich-Haltung, wird darauf hingewiesen, ist nicht einsichtig, verändert nichts und stellt den Hinweisgeber vielleicht sogar als Lügner dar.

Mythen, also ein Anspruch auf eine behauptete Wahrheit, gibt es auch in der Wellensittich-Haltung so einige. Ich möchte ein paar davon hier auflisten und näher auf sie eingehen.


Nur ein einzelner Wellensittich wird zahm

Stimmt definitiv nicht. Je größer der Schwarm ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein mutiger Wellensittich dazwischen sitzt. Und meist ist es so, dass wenn einer sich traut, die anderen ihm folgen. Die Zahmheit eines einzelnen Wellensittichs ist lediglich der verzweifelte Versuch nach Anschluss, denn ihm fehlt ein Partner, mit dem er seine Sozialkontakte pflegen kann. Vertrauen zu 2 oder mehr Wellensittichen aufzubauen, mag etwas länger dauern, zeugt aber von echtem Vertrauen bzw. Interesse am Halter. Dies ist viel mehr Wert, also ein einsamer, verzweifelter Wellensittich.

Ich habe viel Zeit für meinen Wellensittich, er braucht keinen Partner

Es ist egal, ob wir uns eine, fünf oder 10 Stunden mit unserem Wellensittich beschäftigen. Einen artgleichen Partner können wir nie und nimmer ersetzen. Wir können nicht gemeinsam um die Wette fliegen, wir können uns nicht gegenseitig das Gefieder pflegen, wir können uns nicht in der gleichen Sprache unterhalten etc. Kurzum: Ein Wellensittich braucht einen Wellensittich als Partner! Alles andere wäre nicht Artgerecht.

Ein neuer Wellensittich darf erst nach 3 Wochen aus dem Käfig raus

Man sollte einem Neuankömmling ruhig etwas Zeit lassen, um anzukommen und sich zu orientieren. Trotzdem sollte man ihm möglichst bald auch im Quarantäneraum Freiflug bieten. Dazu muss natürlich auch der Quarantäneraum abgesichert werden (mehr dazu hier) und dann steht dem Freiflug nichts mehr im Wege. Bei uns gibt es sofortigen Freiflug, Türchen auf und dann kann der neue Zwerg selbst entscheiden, wann er die erste Runde drehen möchte. Übrigens ein super Zeitpunkt, um stressfrei den Käfig umzugestalten (wenn der Zwerg sein altes Zuhause mitbringt, welches nicht einer artgerechten Haltung entspricht).

Wellensittiche trinken nicht

Die benötigte Menge an Wasser ist so gering, dass wir oft den Moment verpassen, wo sie am Wassernapf sind. Trotzdem ist es ein Irrtum, dass Wellensittiche nie trinken und daher muss auch immer frisches Wasser zur Verfügung stehen! Auch darf man nicht vergessen, dass zum Beispiel Gurke viel Wasser enthält und ein kleiner Teil des Bedarfes so schon gedeckt werden kann.

Zwei Wellensittiche sind lauter als ein Wellensittich

Ja, zwei Wellensittiche mögen manchmal etwas lauter miteinander kommunizieren, aber im Gegensatz zu einem Einzelwellensittich, der den ganzen Tag verzweifelt nach seinem Partner ruft, wirkt das Erzählen von zwei Wellensittichen fast beruhigend. Für den Einzelwellensittich ist der Mensch vermutlich sein Partner und er wird panisch, sobald dieser den Raum verlässt. Schrille Rufe sind die Folge und die sind in der Lautstärke nicht zu unterschätzen. Unsere 6 Zwerge sind zeitweise so ruhig, dass ich nachschauen gehe, ob noch alle da sind…

Wellensittiche fressen nur, was sie als richtig empfinden

Wellensittiche sind furchtbar Neugierig und erkunden gerne ihr Umfeld. Dazu kann auch mal der Teller der Federlosen gehören oder die Blumen auf der Fensterbank. „Wenn es nicht gut für sie wäre, dann würden sie es ja nicht fressen“ lautet es dann oft. Doch das ist falsch. Gerade Stellen, von denen sie fortgehalten werden, üben einen großen Anreiz aus und können daher zur Gefahr werden. Wir als verantwortungsvolle Halter sollten daher penibelst darauf achten, dass keine giftigen Pflanzen oder Lebensmittel (zu viel Fett, zu salzig, zu viel Zucker) in der Schnabelreichweite unserer Wellensittiche zu finden sind.  

Vogelkohle, Mauserhilfe, Lebertranperlen, Sprechperlen und Co sind wichtige Ergänzungen für Wellensittiche

Meist hilft schon ein deutlicher Blick auf die Zutatenliste, um sinnvolles von unsinnigem zu unterscheiden. In der Vogelkohle finden wir zwar nur Holzkohle, aber essen möchten wir die auch nicht oder? Zwar hat man den Anschein, dass der Kot wieder fester wird und sich normalisiert, jedoch liegt dies nur an der Bindung von Wasser im Körper. Die Ursache wird also nicht bekämpft und dem Vogel so nicht geholfen. In all den anderen von den Herstellern so hochgelobten Ergänzungen finden wir Bäckereierzeugnisse (Brötchenkrümel und Co) sowie Nebenerzeugnisse (Milchpulver und Co) sowie viel zu viel Zucker. Somit ist das alles andere als Gesund und die beschriebenen Erwartungen werden auch nicht erfüllt. Von ein paar Hirsesaaten wird kein Vogel das Sprechen anfangen…
Gibt es Probleme, so helft euren Tieren verantwortungsvoll, und sucht einen vogelkundigen Tierarzt auf. Ihr wisst nicht, ob in eurer Nähe ein vogelkundiger Tierarzt ist? Dann schaut euch mal in dieser Liste um!

Zwei Wellensittiche produzieren mehr Dreck

Doppelt so viel Schmutz und Dreck als bei einem Einzelvogel? Das mag man denken, schließlich lassen nun 2 Wellensittiche ihre Kotbällchen fallen, es liegen 2x Federn herum und auch muss ja doppelt so viel Futter gereicht werden. Doch wenn man mal genau überlegt, so wird einem auffallen, dass es ja nun ziemlich egal ist, ob ein oder zwei Wellensittiche. Mit dem Staubsauger muss man ja trotzdem nur einmal durchs Zimmer und den Sand muss man auch bei zwei Wellensittichen nur einmal austauschen werden, um alles sauber zu bekommen. Also völlig egal, ob ein oder zwei oder sechs Wellensittiche, die Arbeit bleibt die Gleiche.

Wellensittiche dürfen erst aus dem Käfig, wenn sie zahm sind, sonst bekommt man sie ja nicht wieder in den Käfig

Nicht jeder Wellensittich baut Vertrauen zu seinem Halter auf, somit wäre dem einen oder anderen Vogel wohl sein Freiflug ein Leben lang verwehrt. Dies ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was man einem Wellensittich antun kann. Es ist ein natürliches Bedürfnis zu fliegen und muss täglich mehrere Stunden gewährleistet werden. Mehr dazu hier.
Zudem ist der Käfig der Rückzugsort der Wellensittiche und dies sollten wir akzeptieren. Außer für Reinigungsarbeiten, Wasser- und Futterwechsel haben unsere Hände im Käfig nichts zu suchen.

Meine Wellensittiche kommen nie aus dem Käfig raus, die wollen gar nicht fliegen

Ist dies der Fall, dann sollte man sich mal in die Lage der Wellensittiche versetzen und überlegen, wodran das liegen könnte. Gibt es Anreize, den Käfig zu verlassen? Spiel- und Landeplätze? Gibt es Artgenossen, mit denen gespielt werden kann? Macht ihnen etwas Angst?

Ist der Wellensittich krank, so hilft Ruhe und Wärme

Bitte den Wellensittich nicht mit dem Menschen vergleichen! Hat uns eine Erkältung erwischt, so hilft uns das, aber das Immunsystem eines Wellensittichs ist nicht in der Lage, einen solchen Infekt zu bekämpfen. Zumal das Problem besteht, dass ein Vogelorganismus sehr schnell geschwächt ist und es lebensbedrohlich sein kann, nicht umgehend einen vogelkundigen Tierarzt aufzusuchen! Lieber einmal zu viel zum vogelkundigen Tierarzt, als zu wenig! Dann schaut euch mal in dieser Liste um!

Es gibt einen großen Käfig, Freiflug ist also nicht nötig

Ein „zu groß“ gibt es bei Käfigen nicht. Je größer desto besser! Selbst unser Käfig mit 255x85x54cm ist zu klein, um die Zwerge dauerhaft da drin unterzubringen. Fliegen ist ein natürliches Bedürfnis und als verantwortungsvolle Halter müssen wir auf diese eingehen und sie ermöglichen. Können oder wollen wir dies nicht, so sollten wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, ob wir uns Wellensittiche ins Haus holen.

Wellensittiche leben Monogam (lebenslange Paarbeziehung)

Dem Partner ein Leben lang treu und zugewandt, das mag man meinen, wenn man die liebevollen Krauleinheiten bei einem Wellensittichpärchen beobachtet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Je größer der Schwarm, desto mehr wird auch geflirtet und auch mal der Partner gewechselt und das ist völlig normal. In den Weiten Australiens müssen Wellensittiche ziemlich spontan sein, was die Paarfindung angeht, schließlich ist der optimale Zeitpunkt für Nachwuchs abhängig vom Futterangebot, Wetter und Standort. Dann erst noch nach „dem“ oder „der“ Richtigen zu suchen, wäre viel zu Zeitaufwändig. Unser Nimo war verpaar mit Phelii, neuerdings versucht er es aber auch bei Tija.

Unser neuer Käfig passt so toll zur Einrichtung

Der Käfig sollte zuallererst den Ansprüchen der Bewohner gerecht werden. Ob der Käfig farblich zur Einrichtung passt oder die Form so schön die Dekoration ergänzt sollte einem egal sein. Das Wohl des Tieres ist entscheidend. Wie ein entsprechender Käfig sein sollte, könnt ihr hier nachlesen.

Hält man ein Pärchen Wellensittiche, so ist Nachwuchs vorprogrammiert

Wellensittiche brauchen als Brutstimulation, also um bestimmte, für die Brut wichtige Hormone zu produzieren, eine dunkle Nisthöhle. Dies muss nicht unbedingt ein Nistkasten sein, auch eine dunkle Regalecke, eine Korkröhre oder ähnliches kann ausreichen. Wer also kein Nachwuchs möchte, sollte dunkle Ecken vermeiden. Außerdem sei erwähnt, dass es zum Thema Nachwuchs viele Risiken und Probleme geben kann. Sollte also Nachwuchs gewünscht sein, so ist es sehr wichtig, sich ausreichend Fachwissen anzueignen!

Gleichgeschlechtliche Paare verstehen sich nicht

Zwei Hennen zu Halten kann in der Tat zu Zankereien und Streit führen, zwei Hähne hingegen können sogar beste Freunde werden und bei einem gleichgeschlechtlichen Paar gibt es kaum Sorgen. Doch der Charakter der Tiere ist entscheidend, alles kann, nichts muss. Die optimale Konstellation für 2 Wellensittiche ist entweder 2 Hähne oder ein Pärchen. Bei größeren Gruppen bis 10 Tiere ist ein ausgewogenes Verhältnis und eine gerade Anzahl von Hennen und Hähnen wichtig (entweder je Geschlecht die gleiche Anzahl oder mehr Hähne als Hennen, jedoch nicht -als Beispiel – 2 Hennen auf 8 Hähne). Bei mehr als 10 Tieren, sollte man zwar noch darauf achten, keinen Hennenüberschuss zu haben, aber es kann auch eine ungerade Anzahl gehalten werden.

Man soll erst einen Wellensittich holen, ihn zähmen und dann den zweiten Wellensittich

Das funktioniert so leider nicht – oder wie ich finde: zum Glück. Der einzelne Wellensittich würde mit Sicherheit schnell zahm werden, allerdings nicht, weil er seinem Halter vertraut, sondern weil er verzweifelt nach einem Partner sucht. Kommt dann der neue Artgenosse dazu, ist dieser wesentlich interessanter und die geglaubte Zahmheit wie vom Erdboden verschluckt.
Nehmt gleich zwei Wellensittiche zu euch und garantiert ihnen so ein schönes Leben, egal ob zahm oder nicht zahm. Wellensittiche sind keine Kuscheltiere, wenn sie zu einem kommen, dann bitte aus freiwilligen Stücken und mit vollstem Vertrauen. Zusammen ist man auch gleich doppelt so mutig 😉

Die Wellensittiche bekommen Futter nur aus der Hand, dann werden sie schneller zahm

Stellt euch mal vor, ihr seid ein Wellensittich und noch ganz neu in eurem Zuhause. Vor der großen Hand habt ihr panische Angst, weil ihr überhaupt nicht wisst, was sie von euch will. Aber ausgerechnet dort ist die einzige Futterquelle. Ein paar Stunden hält man das aus, vielleicht sogar einen Tag, aber dann ist der Hunger so riesig, dass ihr voller Angst auf die Hand steigt, nur um euren Hunger zu stillen. Sieht das nach Vertrauen aus? Mit Sicherheit nicht. Das ist Tierquälerei und sonst gar nichts. Futter in ausreichender Menge müssen den Wellensittichen täglich zur Verfügung gestellt werden und zwar so, dass sie ohne Angst in Ruhe fressen können.